Niet lang meer

Carmien Michels

Carmien Michels

Carmien Michels (België, 1990) danst tussen pen en podium, tussen urban en klassiek. Ze studeerde Woordkunst aan het Koninklijk Conservatorium van Antwerpen. Haar debuutroman We zijn water, (2013, De Bezige Bij) haalde de shortlist van de Debuutprijs en De Bronzen Uil 2014. Haar tweede roman Vraag het aan de bliksem verscheen in 2015 (Uitgeverij Polis). Ze won de Nederlandse NTR Radioprijs 2011, de publieksprijs van het Belgisch Kampioenschap Poetry Slam in 2014 en werd in 2016  Nederlands Kampioen Poetry Slam. Ze staat op tal van podia, organiseert, presenteert, doceert en werkt samen met artiesten van alle slag. In 2016 toert ze met de muziektheatervoorstelling BARTóK, voert ze onderzoek naar taalstimulering aan het Koninklijk Conservatorium van Antwerpen en schrijft ze in buitenlandse oorden aan haar poëziedebuut.

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Niet lang meer

Carmien Michels' citybook over Münster Niet lang meer zal in voorpublicatie te lezen zijn in het literaire tijdschrift DW B en wordt daarna ook hier gepubliceerd. Je kan het citybook nu al beluisteren, voorgelezen door de auteur.

De Engelse vertaling wordt gerealiseerd door studenten Nederlands van de universiteiten van Sheffield en Nottingham. Zij vertaalden begin 2017 haar citybook naar het Engels in het kader van het vertaalproject UK Collaborative Translation Project 2017.

Het is niet de eerste keer dat een citybook in het kader van dit mooie vertaalproject gerealiseerd werd. De afgelopen jaren werden zo ook al de citybooks van Rebekka de Wit (Tot het verschil over sterrenstelsels gaat), Bouke Billiet (Meisje van vroeger), Wim Brands (De fanfare die een olifant opat) en Abdelkader Benali (Beeld van een gewapende strijder op een paard) door Britse studenten vertaald.

 

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Nicht mehr lange


An jeder Straßenecke stößt man auf eine Kirche, eine für jeden Krieg, den die Stadt im Laufe der Jahrhunderte überstanden hat. Wenn die Kinder hier Himmel und Hölle spielen, hüpfen sie nicht über die Buchstaben des Alphabets oder die Zahlen von eins bis zehn. Nein. In dieser Stadt hüpfen sie den Kriegsverlauf nach. Kriegserklärung, Belagerung, Verwüstung, Kapitulation oder Sieg und schließlich Frieden und Wiederaufbau. Bei jedem Sprung leuchten die Glühwürmchen an den Sohlen ihrer Sneaker kurz auf.

Unter den Füßen liegen unzählige Städte. Die Häuser und Straßen wurden im Krieg unter solchen Unmengen an Schutt und Trümmern begraben, dass es sinnlos gewesen wäre, das alles wieder aufzuräumen. Es hätte Jahre gedauert, die Hinterlassenschaften der Vergangenheit wegzuschaffen und ein neues Heim auf unversehrter Erde zu errichten: Jahre der Geduld, die die Einwohner schon viel zu lange hatten aufbringen müssen.

Also legten die Bürger nach jedem Sieg fleißig neue Straßen über den vorhergehenden an, gepflastert mit den Schädeln der Feinde. Im Falle einer Niederlage und folgender Fremdherrschaft taten sie exakt dasselbe, allerdings mit den Schädeln ihrer Liebsten als Baumaterial und mit Ergebenheit statt Fleiß. Auf die knochenbleichen Pflastersteine tropfte das Blut ihrer gefolterten Anführer, die in Käfigen an den Kirchtürmen hingen, um alle abzuschrecken, die auf die Idee kommen könnten, erneut nach der Macht zu greifen.

Aber immer war jemand verrückt genug, einen neuen Kampf zu beginnen.

Und so wurde die Stadt durch jeden Feind um eine neue Schicht reicher, als hätte sich ein zischender Vulkan immer wieder aufs Neue an der Tatkraft und der Jugend der Stadt gelabt. Die Bürger traten diesem Feuergott jedes Mal trotzig entgegen, diesem Gott, der nicht der ihre war und der bestimmt verlöschen würde, wenn sie nur genügend Kirchen errichteten.

Eines Tages war es soweit. Während eines alles versehrenden Krieges hatte der Vulkan so sehr geblutet, dass er sich in einen tiefen Schlaf zurückzog. Die Überlebenden krochen aus den Luftschutzkellern, krempelten die Arme hoch und bauten die Stadt gründlich wieder auf. Sie waren wahre Meister der Trauer. Die Asche der Toten vermischten sie mit Weihwasser und asphaltierten damit die Straßen. Von Kirche zu Kirche. Jedes Gotteshaus eine Bußübung für die Vergangenheit. Und dann herrschte Frieden.

In den Kirchen schlagen die Gläubigen demütig das Kreuzzeichen, nicken die bösen Gedanken weg, knien nieder und entzünden Kerzen für alle diejenigen, die ihnen genommen wurden. Jahr ein, Jahr aus.

Wohin gehen die bösen Gedanken? Nicht zu den Gärten, in denen mit grünen Daumen Kürbisse gezogen und Rosen beschnitten werden. Nicht zu den Parkanlagen, in denen die Bewohner spazieren, joggen, mit ihren Hunden und Kindern spielen, einen Buggy oder Rollator vor sich her schieben. Nicht zu den Seminarräumen, in denen die Studenten sich durch die geöffneten Fenster ihre Zukunft rosafarben träumen. Nicht zu den Kneipen, in denen Jung und Alt während der Happy Hour auf das Leben anstoßen. Seit dem letzten Krieg kleiden sich die Bürger jeden Morgen in fromme Gedanken, Lebensfreude und Frieden.

Und doch schlummert dort etwas. Unter der Stadt schläft der Vulkan seinen Rausch aus. Hin und wieder stöhnt er im Schlaf auf, eine Erschütterung, die in die Träume von immer mehr Seelen dringt. Sein heißer Atem versengt ihre Nackenhaare. Geschlossenen Auges ziehen sie die Harnische an, kampfbereit. Noch vor der Morgendämmerung suchen sie wieder verstört ihr Bett auf und nuckeln an den Schultern ihrer Liebsten, verirrte Kindermünder auf der Suche nach der mütterlichen Brust.

Falls die Glocken der vielen Kirchen einmal nicht läuten, regnet es. Alle bösen Gedanken fließen mit dem Regen in die Abwasserkanäle, fallen Tropfen für Tropfen auf die Überbleibsel der vorigen Stadt, sickern in ältere Kanäle. Durch die zunehmende Hitze rollen sie wie Murmeln von Geisterstadt zu Geisterstadt, bis sie in den Bauch der Stadt gelangen, wo sie auf jahrhundertealte Schädel prasseln, wie Hagelkörner Dellen und Löcher schlagen, bevor sie im Kehlkopf alter Krieger zur Ruhe kommen.

Lüsterne Blicke? Geizige Griffel? Eitle Lippen? Zeternde Weiber? Prassende Kerle? Faule Kröten? Brennende menschliche Fackeln? All das findet man hier nicht. Wenn in den Kneipen doch einmal ein Schluckspecht auffällt, dann ist es ein Tourist oder ein Student, der sich hier noch nicht auskennt. Wer hier geboren wurde, weiß sich zu beherrschen. Wer hier geboren wurde, weiß, was Sache ist. Er tut keiner Fliege etwas zuleide, befolgt die Verkehrsregeln, genießt am Wochenende Sonne und Wasser, geht mit dem Hund raus, engagiert sich ehrenamtlich und ist mindestens in einer Blaskapelle Mitglied.

Die Blaskapellen ziehen samstags durch die Stadt oder über die Promenade, die einen Ring aus Radwegen um den Stadtkern bildet. Ihre Trommeln sind mit Häuten bespannt, derart weiß und grau gefleckt, dass die Trommelbauer kein Tier gehäutet zu haben scheinen, sondern den Mond selbst. Auf dem Rhythmus von Ebbe und Flut paradieren sie durch die Straßen und beschwören die Kriege, die noch irgendwo in ihren Ohren marschieren.

Die langen Paraden bringen die Touristen zum Lächeln, verführen sie dazu, Fotos zu machen und an einem Eis zu lutschen. Das idyllische Geklingel der unzähligen Glocken im Hintergrund stimuliert sie zu romantischen Küssen. Doch wer die Geschichte kennt, schlägt lieber ein Kreuz. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Berühre den Kopf, die Brust, linke Schulter, rechte Schulter. Jedes Volk braucht einen Gruß, um sich miteinander verbunden zu fühlen – und mit etwas Höherem.

Die Augen der Touristen sehen Menschen, einzig und allein gottesfürchtige Menschen, glückliche Menschen. Eltern, die mit ihren Kindern auf den Sportplätzen Federball spielen oder die Seile zwischen Bäume spannen, um das Gleichgewicht zu trainieren. Die Augen der Touristen sehen in der Übung nur die Übung. Im Sport den Sport. Im Glauben den Glauben. Ihr Blick sucht Gegenstände und Erfahrungen, die anders sind als zu Hause, die dadurch eine Brücke zwischen hier und dort bilden, zwischen der sakralen Außenwelt und der abgeschlossenen Innenwelt. Ihr Blick sucht Bestätigung der eigenen Existenz.

Ganz anders schauen die Augen der vielen Porträts im Saal des Rathauses herab; Abgesandte, die einst den Frieden erzwangen, indem sie sich gemeinsam Kompromissen unterwarfen. Sie sehen Bewohner, die sich für eine ungeahnte Gefahr bereit machen, die ein Gleichgewicht zwischen der täglichen Banalität und etwas Drohendem suchen, das ihnen im Nacken sitzt. Etwas, das sie nicht benennen können, das sie allenfalls mit einem Federballschläger abwehren können, mit einem Kreuzzeichen oder einem Baseballschläger. Wem das alles nicht glückt, heiratet einen Ausländer und geht weg, macht Platz für neues Blut.

Jedes Jahr liefern Partnerstädte massenhaft neue Studenten an. Intellektuelles Kanonenfutter für später. Sorglos liegen sie in Shorts oder Bikinis im Gras, halten ihre Lehrbücher über den Köpfen, um sich vor der Sonne zu schützen. Wenn sie wegschauen, brennen keine schwarzen Flecke sondern Definitionen und Grafiken auf ihrer Netzhaut. Zwischen ihren bunten Handtüchern und Picknickdecken hoppeln Krähen und Kaninchen. Alles scheint hier vollkommen friedlich und regungslos zu sein.

 


Auf einer Mauer neben einer Kirche sitzen drei alte Männer, vor ihnen steht ein Rollator als Tablett. Auf den ersten Blick scheinen sie Karten zu spielen. Wer aber genau hinschaut, erkennt, dass sie keine Bauern, Damen oder Könige in den Händen halten, sondern Fotos von früher. Abwechselnd graubraune Postkarten mit posierenden Soldaten und vergilbte Familienfotos. Auf der Rückseite stehen Liebesbotschaften oder ein Mit herzlichen Grüßen.

Was für ein Spiel spielen sie? Sie diskutieren über jede Karte, die gelegt wird. Eine Erinnerung, die ins Schloss fällt. Sie werden nicht laut, wissen, sie müssen ihren Atem für die Nacht aufheben.

Als das Spiel beendet ist, stößt einer der Männer mit seinem Spazierstock auf einen Pflasterstein. Sein Nachbar nimmt einen Schluck aus einem Flachmann.

„Wie lange noch?“, fragt der Mann mit dem Stock.

Der dritte Mann schüttelt den Kopf und teilt die Karten neu aus. Die drei spielen weiter, bis die Sonne tief zwischen den Reihen herrschaftlicher Häuser auf dem Platz steht. Niemals lassen sie sich den Rhythmus von den Straßenmusikanten diktieren, die etwas weiter unter der Säulengalerie Lieder aus aller Welt spielen.

Ein Akkordeonspieler und jemand mit einer Strohgeige. Tag für Tag heitern sie einander auf, Lied für Lied. Sie müssen keine Straßencafés für etwas Kleingeld von Touristen abgehen. Sogar wenn sie zwischendurch nur schwatzen oder lachen, klimpern die Münzen nur so in ihren Hüten.

Der Akkordeonspieler lehnt mit dem Rücken am ältesten Haus am Platz, eine Originalfassade mit ungleichen Steinen. Jahrelang befand sich darin das Stammcafé der drei alten Männer, Café Kleimann, aber seit einigen Monaten bleiben dort Türen und Fenster geschlossen. Erbschaftsangelegenheiten, flüstern die Pflastersteine.

Die umliegenden Gebäude imitieren die sandfarbene Fassade, aber sie sind zu perfekt, zu gerade. Wer diese Häuser nach den letzten Bombardements wiederaufbaute, hörte auf den Tonfall des politischen Führers, dessen Radiostimme ihm für immer in den Ohren nachhallen wird.

Die Häuser an diesem Platz gehören den gleichen Familien wie alle anderen stattlichen Gebäude in der Innenstadt. Familien, die Grund und Boden nur untereinander handeln. Ein auserwählter Kreis von Menschen, die hier das Licht der Welt erblicken, studieren, heiraten, arbeiten, Vermögen erben, Kunst kaufen, klassische Konzerte im Schloss organisieren, applaudieren und schließlich im Familiengrab beerdigt werden.

Nur wer in der Innenstadt geboren wurde und dessen Eltern und Großeltern hier geboren wurden, gehört zu dieser Stadt. Alle anderen bleiben für alle Zeit Fremde. Praktische und austauschbare Mieter, Außenstehende, die nicht verstehen, warum es ihnen in dieser Stadt nicht gelingt, ruhig zu schlafen, Unwissende, die mit offenen Augen von Kapellen träumen, die durch die Straßen marschieren: die Trommeln bespannt mit der Haut des Mondes, Blut, das in ihren Ohren pulsiert, als wären sie selbst den Gezeiten unterworfen. Wenn diese Infantilen morgens schweißgebadet aufstehen, schmeißen sie ihre Angst in den Wäschekorb und greifen sich ordentliche Kleidung. Ohne hinzuschauen binden sie ihre Schnürsenkel.

Wenn sie dann eines Tages erkennen, dass sie den Knoten nicht mehr zerschlagen können, schließen sie sich einem der zahlreichen Chöre oder einer der Blaskapellen der Stadt an. Solange sie selbst Musik machen, schlafen sie problemlos im Gedröhn der Nacht.

Es gibt aber auch Mädchen und junge Männer, denen jegliches musikalische Talent fehlt. Die früher Abend für Abend von ihren Müttern und Vätern in den Schlaf gesungen wurden, weil sie selbst nicht in der Lage waren, die Schlaflosigkeit zu überwinden. Wenn sie mitten in der Nacht erwachten, krochen sie zwischen ihre Eltern, deren Schnarchen in ihrem Brustkasten widerklang und sie beruhigte. Diese jungen Leute gehen nun zu Konzerten, tanzen bis ihre Beine wie Plomben an ihren Becken baumeln, halten einander durch rhythmisches Keuchen wach und schlafen wie Löffel, während der Plattenspieler alte Musik spielt, aus der Jugend ihrer Eltern. Das gibt ihnen das Gefühl, dass sie bereits lebten, bevor sie gezeugt wurden.

 


Eine dieser Schlaflosen ist eine einundzwanzigjährige Studentin. Ihre langen schwarzen Haare hat sie golden gefärbt. Sie trägt einen Zopf hinter ihrem rechten Ohr. An einem Tag fällt er vor die Schulter, am nächsten dahinter. Dann bedeckt der Zopf ein Tattoo aus drei Zahlen: 16.9.88. Das ist nicht ihr Geburtsdatum, dafür ist sie zu jung. Es ist das Datum, an dem ihre Eltern einander begegnet sind, der Tag, an dem der Keim für ihr eigenes Leben gelegt wurde, von dem ihre Existenz abhing. Die Tage, die darauf folgten, sind unwesentlich. In ihnen entfernten sich ihre Eltern immer weiter voneinander. Schon bevor sie versehentlich ein Embryo wurde, gab es sie bereits. Das zählt.

Sie hat noch ein weiteres Tattoo. Auf dem großen Zeh des rechten Fußes steht die Zahl dreizehn. Als sie in Amsterdam zu Besuch war, betrat sie ein Tattoostudio, ohne zu wissen, was sie wollte. An einem Freitag, dem dreizehnten.

„Jetzt schau nicht so enttäuscht“, sagt sie zu einem, der mehr wissen will. „Das ist mein Körper.“

Ihr Körper erlaubt keinen Schlaf. Zumindest nicht nachts. Wenn sie doch schläft, dann zwischen acht und zehn am Morgen. Danach rollt sie sich aus dem Bett und macht Yoga im Park.

Jeder Mensch hat vierundzwanzig Stunden am Tag, die er auf Bett, Bad, Küche, Schreibtisch, Wohnzimmer und Außenwelt verteilen kann. Was soll man aber machen, wenn sich die Bettstunden türmen wie Überstunden, abzufeiern in einer fernen Zukunft?

Was soll sie machen, wenn sie nicht in den Armen eines fremden Manns liegt und zuhören kann, wie seine Atmung ruhiger wird, zu einem leisen Brummeln wird, sodass sie forthuschen kann? Was soll sie machen, wenn sie nicht irgendwo in einem Studentenwohnheim bis zum Morgenläuten tanzen kann? Was soll sie machen, wenn sie nicht die Kneipen in der Altstadt auf der Suche nach einem tiefsinnigen Gespräch absuchen kann? Dann muss sie studieren. Die Arbeit wartet und lärmt ungeduldig auf ihrem Schreibtisch, jedes Mal, wenn sie nach Hause kommt, die Zähne noch rot vom Wein. Sie kann es nicht weiter aufschieben. Nur die Nachrichten, die von der anderen Seite der Welt in ihr Zimmer strömen, können ihre Aufmerksamkeit noch ablenken. Dort, wo jetzt jeder wach ist.

Ihre Eltern brachten ihr viele Sprachen bei, damit sie mitbekommt, was auf der Welt geschieht, über die ihre Familie verstreut wohnt, wie Muttermale. Auf der Karte über dem Schreibtisch trägt sie ein rotes Kreuz an jedem Ort ein, an dem ein Anschlag passiert. Manche Länder haben so viele Kreuze, dass man den Namen der Hauptstadt schon nicht mehr lesen kann. Versunken in einem roten Meer. In dem Teil der Welt, in dem sie wohnt, geht es noch, alles in allem. Die Frequenz der Anschläge nimmt zu, aber es bleiben genügend Orte unbehelligt. Manche Leute fürchten sich vor einem bestimmten Tag und leben danach mit umso mehr Esprit weiter. Manche Leute träumen davon, Anschläge zu vereiteln und laufen schon einmal lächelnd und stolz umher, wegen ihrer nahenden Heldenrolle. Andere werfen Molotowcocktails auf Flüchtlingsheime. So etwas passiert in anderen Städten. In dieser Stadt steht die Lebensfreude an erster Stelle.

Jede Nacht geht sie die Nachrichtenseiten durch. Kein Tag ohne Konflikt. Manche Tage geben Hoffnung, andere lassen schwarzsehen. Schlechte Neuigkeiten kann man immer und überall finden. Wichtige Nachrichten, die die Menschen um sie herum schockieren, kommen stoßweise.

Gegen sieben Uhr am Morgen ist sie müde und fängt an zu lernen. Eine produktive Stunde bevor ihr der Duft von gebratenem Speck von der Treppe her, unter ihrer Tür hindurch in die Nase steigt. Ihre Mitbewohnerin ist wach. Sie essen zusammen Eier mit Speck. Die Mitbewohnerin bricht zur Arbeit auf und sie selbst beginnt mit ihrem Morgenschlaf. Danach wartet der Tag auf sie.

Über den Tag rettet sie sich mit Geschichten über die Liebe. Die Nacht lässt auf sich warten, solange Menschen zuhören.

„Alle gute Liebesmusik ist aus Selbstmitleid entstanden“, behauptet ein Mädchen aus Philadelphia während eines Pizza-Abends in ihrer Wohnung. Sie tourt durch Europa und übernachtet für ein paar Tage bei dem Mädchen mit dem goldenen Zopf und ihrer Mitbewohnerin. Nach ihrer Meinung ist das einzig wirksame Rezept gegen Liebeskummer, Musik zu hören und das eigene Selbstmitleid zu bemitleiden. Drei der anderen Anwesenden nicken. Nur das Mädchen mit dem goldenen Zopf nicht.

„Das ist doch überflüssig?“, sagt sie. „Wenn eine Beziehung zu Ende ist, sagt man doch maximal noch Fuck off.“

Der Junge rechts von ihr hält den Kopf schief. Sein zarter Körper, die beinahe durchsichtige Haut und die knallgrünen Augen verleihen ihm ein androgynes Aussehen. Er trägt eine rote Jacke mit goldenen Fransen, die aus dem Kleiderschrank eines Zirkusaffen zu stammen scheint.

„Du bist wohl noch nie verliebt gewesen?“, fragt er.

„Ja doch“, sagt der goldene Zopf. „Als ich fünfzehn war. Damals habe ich beschlossen, dass es niemand wert ist, solche schwülstigen Gefühle für ihn zu empfinden.“

Die Amerikanerin macht große Augen.

„Glaub bloß nicht, sie wäre eine Nonne“, sagt die Mitbewohnerin. „Sie hat Liebschaften in der ganzen Welt.“

„Auch Frauen und Transsexuelle?“, fragt der androgyne Junge.

„Männer zwischen zwanzig und vierundvierzig“, sagt der goldene Zopf. „Ganz unterschiedlich, was Charakter und Sex betrifft.“

„Du hast dich nie wieder verliebt?“, fragt die Amerikanerin. „Ich kann erst mit jemandem ins Bett, wenn ich etwas für ihn empfinde. Und im Bett zergehe ich dann voll und ganz.“

„Nicht mein Ding“, sagt der goldene Zopf. „Ich suche mir Männer aus, denen ich mich irgendwie verbunden fühle, aber ich binde mich nicht an sie. Die Regeln sind klar. Wir sind frei, gehören einander keineswegs exklusiv, es gibt keine Beschränkungen oder Verpflichtungen. Wenn ich in ihrer Gegend bin, kann ich bei ihnen übernachten. Wenn sie nervig werden, ist die Sache für mich erledigt.“

„Wie viele Partner hast du gleichzeitig?“, fragt die Amerikanerin.

„Gerade?“ Sie denkt kurz nach. „Viereinhalb.“

„Ein halber Mann?“, lacht der androgyne Junge.

„Jemand, bei dem ich nicht so genau weiß, ob wir nur Freunde sind oder mehr. Ich habe nachher noch ein Date mit ihm.“

„Prima“, sagt die Mitbewohnerin und stellt die leeren Teller aufeinander.

„Vielleicht verliebst du dich nicht, weil du in dich selbst verliebt bist“, sagt der androgyne Junge.

Sie schaut ihm in die Augen, bis er den Blick senkt.

„Ich bin zu vernünftig“, sagt sie. „Ich sehe die Qualitäten eines Mannes, aber auch sofort, was ihm fehlt. Sogar wenn jemand nahezu perfekt ist, sehe ich vor allem seine Unvollkommenheit.“

„Bei Liebe geht es doch gar nicht um Perfektion“, sagt ein Junge, der bislang geschwiegen hat. Er sitzt auf einer Matratze und lehnt mit dem Rücken an einem Bücherregal. Darin stehen Klassiker wie Der Zauberberg und Die Leiden des jungen Werther. Vom Regal schaut eine kupferne Beethoven-Büste milde auf die Gruppe, in der alle in den Zwanzigern sind.

„Mich ziehen gerade Männer und Frauen an, die alles andere als perfekt sind, die etwas Ungewöhnliches haben“, fährt der Junge fort. „Etwas, das sich reibt, wodurch Funken schlagen. Leidenschaft und Fleisch sorgen dann für den Rest.“

Das Mädchen mit dem goldenen Zopf nickt. Unvollkommenheit scheint ihr ein schöner Beginn für Liebe.

„Meine Bettgefährten sind alles andere als perfekt“, sagt sie. „Aber sie sorgen nicht dafür, dass mein Herz schneller schlüge, sie kommen mir einfach nur gelegen.“

„Du hast den richtigen noch nicht getroffen“, sagt die Amerikanerin.

„Oder du kennst deine Vorliebe noch nicht“, sagt der androgyne Junge. „Vielleicht stehst du ja auch auf Freaks. Leute, deren Wangen mit Piercings übersät sind. Oder Nekrophile.“

„Ja, da hätte ich große Chancen“, sagt das Mädchen mit dem goldenen Zopf ironisch.

„Oder Leute ohne Arme und Beine. Torsi“, sagt die Amerikanerin und bekommt einen Lachanfall. Sie kennt eine Menge einschlägiger Witze.

„Das Äußere ist mir egal“, sagt der goldene Zopf. „Ich würde auch mit einem Torso ins Bett gehen, wenn er tiefsinnige Sachen erzählen kann. Vielleicht wäre das sogar einfacher.“

„Was erzählst du jetzt wieder!“, ruft der androgyne Junge. „Sexuell meinst du? Freaky Nummern?

„Das habe ich noch nicht überlegt. Vielleicht. Ich meine, dass solche Menschen dichter bei ihrem Zentrum sind.“

Der androgyne Junge prustet los.

„Alles andere fehlt ja auch!“

„Im Ernst. Ich finde, sie haben dem Tod schon tiefer in die Augen geblickt, dadurch können sie das Leben und die Liebe tiefer erleben. Eros und Thanatos.“

„Ein Klischee“, sagt die Mitbewohnerin, die eine Flasche Rosé nimmt und in der Küche verschwindet.

„Klischees sind Klischees, weil sie oft wahr sind“, sagt der goldene Zopf. „Ich denke, im Krieg würde ich mich leichter verlieben. Die Umstände zwingen einen dann, ohne Unterbrechung wachsam zu sein. Man reagiert instinktiv. Den Luxus der Vernunft kann man sich nicht mehr leisten, denn alles hängt immerzu an einem seidenen Faden.“

Die Amerikanerin nickt.

„Alles wird aufregender, wenn du weißt, dass im nächsten Moment eine Bombe einschlagen kann“, sagt sie.

„Ach, hört doch auf“, antwortet der androgyne Junge. „Ihr tut ja gerade so, als wären Attentate romantisch. Es ist doch fürchterlich, dass jeder Spinner online Waffen bestellen kann und sich dann mit Hilfe einer Anleitung eine Bombe zusammenbastelt.“

Die Mitbewohnerin bringt Pfannkuchen mit Schokoladensoße herein.

„Wisst ihr, was es eigentlich ist?“, sagt das Mädchen mit dem goldenen Zopf, während sie ihren Teller mit einem Pfannkuchen säubert. „Nachahmungsverhalten.“

„Was?“, fragt die Mitbewohnerin.

„Die komplette Menschheit zeigt pausenlos Nachahmungsverhalten. Die Pfannkuchen sind übrigens gut.“

Mit dem Finger befreit sie die Mundwinkel von Schokoladenresten.

„Als sich Robin Williams umgebracht hat, explodierte die Zahl der Selbstmorde weltweit. Zwei Freunde meiner Mutter haben ihrem Leben kurz darauf auch ein Ende gemacht. Vielleicht hatten sie das schon lange geplant, vielleicht auch nicht. Sein Tod gab ihnen den entscheidenden Anstoß.“

„Das wusste ich nicht“, sagt der androgyne Junge belegt.

„Die ganzen Attentate jetzt“, fährt sie fort. „Zuerst waren das Verbrecher, vom IS inspiriert. Sie inspirieren wieder andere Leute. Einzelgänger. Spinner. Oder normale Leute, die einen schwachen Moment haben? Vielleicht hatten sie schon lange was geplant, vielleicht auch nicht. Das hängt alles mit dem richtigen Timing zusammen. Ihre Frau hat sie gerade verlassen oder ein Arbeitskollege etwas Blödes gesagt. Wie auch immer, die Umstände machen sie empfänglich. Ermutigt vom dem, was in den Medien läuft, werden sie selbst aktiv.“

Es klingelt.

Das Mädchen mit dem goldenen Zopf schlüpft rasch in ihre Schuhe und steht auf.

„Ciao“, sagt sie zu dem Grüppchen und verbeugt sich tief. „Es war mir eine Ehre, mich mit euch zu unterhalten.“

Ihre Mitbewohnerin äfft Sexgeräusche nach, während das Mädchen mit dem goldenen Zopf die Treppe hinuntergeht. Bevor sie die Tür aufmacht, färbt sie ihre Lippen rot.

„Oi querido“, sagt sie zu dem jungen Mann vor sich. Er nimmt seine Ukulele in die linke Hand, hält ihr Handgelenk fest und küsst ihre Finger. Sie umgibt sich gerne mit sprachgewandten Männern, aber dieser fasziniert sie gerade, weil er so schweigsam ist. Sie passieren das umtriebige Studentenviertel, machen bei ihrem Lieblingsitaliener Halt, um eine Flasche Ramazzotti mitzunehmen und gehen weiter, bis sie an einen einsameren Ort kommen.

Er zupft auf der Ukulele und singt dazu, während sie kleine Schlückchen von dem Likör trinkt. Sie hat ihn in einem Hotel kennengelernt, wo sie einige Wochen an der Rezeption arbeitete. Dort war er kein normaler Barkeeper. Er jonglierte mit Flaschen, Shakern, Gläsern und Limonen und unterhielt so die Hotelgäste. Jeden Abend versammelte sich eine Gruppe Schaulustiger und bestellte einen Cocktail nach dem anderen, nur um pausenlos seine Künste bewundern zu können. Manchmal johlten sie so laut, dass man sie bis zur Rezeption hören konnte.

Wenn er mit seiner Show fertig war, beeilte er sich, nach draußen zu kommen. Er wünschte ihr immer einen guten Tag, aber schaute dabei auf den Boden. Es zog sie an, dass jemand, der den ganzen Abend im Scheinwerferlicht stand, so verlegen sein konnte.

An ihrem letzten Abend sprach sie ihn an. Ob er noch etwas länger bleiben würde, ihre Schicht sei gleich vorbei. Sie spazierten zu einer Bank am Fluss, der die Stadt zerschnitt. Dort sprachen sie lange miteinander. Besser gesagt, vor allem sie sprach. Er hörte zu und sang Lieder aus Brasilien für sie. Gegen vier Uhr nahm er sie mit zu seinem Auto, wo sie auf dem Rücksitz miteinander schliefen.

Seitdem hatten sie sich mehrere Male getroffen, aber sie waren nicht weiter gegangen als ein Kuss auf die Wange oder die Hand. Keiner von ihnen hatte signalisiert, es dabei belassen zu wollen. Aber genauso wenig hatte einer von ihnen mehr versucht.

Sie beobachtet, wie das Licht einer Laterne auf seine rechte Seite fällt. Unter seinem Top schauen die Schnörkel eines tätowierten Frauennamens hervor, der seine Brust von links nach rechts schmückt. Claudia Maria. Während ihrer ersten Nacht hat sie ihn gefragt, wer das ist. Seine Mutter, hatte er geantwortet. Ob sie noch lebe, hatte sie geflüstert. Er nickte. Seine Mutter hatte ihn neun Monate lang getragen und darum wolle er sie sein ganzes Leben lang bei sich tragen. Er fand den Gedanken merkwürdig, sie erst in Ehren zu halten, wenn sie gestorben sei und sie nichts mehr davon habe. Nun könne er ihr zumindest zeigen, wie sehr er an ihr hinge.

Während er auf der Ukulele spielt, muss sie an ihren Großvater denken, ein emigrierter Ägypter, der vor wenigen Monaten gestorben ist. Er staunte fortwährend über die umfangreiche Erziehung, die seine Enkelkinder genießen durften, darüber, wie viel sie bereits in ihrem Alter von der Welt wussten. Er selbst kannte als Kind keine Bücher, nur didaktische Anweisungen, mit Regeln, die er zu befolgen hatte.

Er hatte einen pfiffigen Blick, der sich aufhellte, wenn er seine Enkelin sah. Wenn sie lachte, sagte er immer: „Mein ganzes Glück ist es, dich genießen zu sehen.“

Mit großem Heimweh erinnerte er sich an seine Jugend in Kairo, als neben Muslimen auch viele Kopten und Juden zu seinen Freunden gehörten. Man schätzte sie damals sehr, erzählte er, weil sie belesen waren und gute Manieren hatten.

Die Entwicklungen in seinem Land behagten ihm nicht. Nach den großen Kriegen herrschte Optimismus, alles wurde besser.

„Aber die letzten fünfzehn Jahre haben uns wieder ganz und gar zurückgeworfen“, sagte er verbittert. „Jeder, der bei klarem Verstand ist, flieht aus meinem Land. Die Grenzen und die Horizonte schließen sich wieder. Über der ganzen Welt hängt dieselbe große Gewitterwolke.“

Das Mädchen mit dem goldenen Zopf nimmt einen großen Schluck vom Kräuterlikör und lässt sich vom Alkohol und der Musik einlullen. Als ein junger Mann auf sie zukommt, unterbricht ihr Gefährte seinen Gesang und begrüßt ihn. Der junge Mann gibt beiden einen Kuss auf die Wange. Sein Glasauge scheint sie stechend anzublicken. Ohne sich weiter bei ihr vorzustellen, fragt er, ob sie schon jemals eine Kirche bei Nacht besucht habe.

Sie schüttelt den Kopf und schaut zu ihrem Freund, der ungerührt auf seiner Ukulele zupft.

Der junge Mann lässt einen Schlüssel vor ihrer Nase baumeln. Seine Haltung zieht sie gleichzeitig an und stößt sie ab.

Sie fragt ihn, für welche Kirche der Schlüssel sei.

„Das wirst du dann sehen“, sagt er.

Weshalb er den Schlüssel besäße, fragt sie.

„Ich bin Organist“, antwortet er. „Gehen wir?“

Sie schaut wieder zu ihrem brasilianischen Freund, der aufsteht. Dem Jungen mit dem stechenden Auge würde sie nicht folgen, ihm aber schon. Warum vertraut sie ihm? Alles in allem ist er doch ein Fremder für sie. Bei anderen weiß sie, wen sie vor sich hat und wie sie sich ihm wie ein Chamäleon anpassen kann. Er ist jedoch so unvorhersehbar, dass sie selbst Farbe bekennen muss.

Wenige Minuten später stehen sie zu dritt in einer der größten Kirchen der Stadt. Eine Kirche, an der sie täglich vorbeigeht, die sie aber noch nie betreten hat. Sie schließt die Augen und lauscht auf die Stille, die jedes menschliche Geräusch übersteigt. Sie hört ihren eigenen Atem nicht mehr.

Spärliches Licht fällt durch die Glasfenster. Sie greift nach der Hand ihres Freundes und schreitet nach vorne, zwischen die Holzbänke, geradewegs auf den Altar zu. Der andere Junge folgt ihnen wie ein Schatten.

Der Altar besteht aus einem massiven Steinblock mit sparsam verzierten Seitenflächen. Das Mädchen mit dem goldenen Zopf drückt sich mit den Händen hoch und legt sich mit dem Rücken auf den Altar. Ihre goldenen Haare bilden eine Monstranz, ihr Gesicht eine heilige Hostie.

Sie weiß, was sie erwartet. Sie denkt nicht darüber nach, ob ihr Freund das so geplant hat, als er sich neben sie legt und seine Hand an ihrem Bein nach oben streicht. Sie denkt nicht darüber nach, wer der andere Junge ist, als er ihre weiße Bluse aufknöpft und gleichzeitig zart in ihren Hals beißt. Sie denkt überhaupt nichts, als ihr Körper von so viel Haut und Geräusch umschlossen wird, spürt die steinerne Fläche nicht mehr, hört die schlagende Stille nicht mehr. Sie weiß nur, dass sie voller Begierde sind, alle drei, dass sie unersättlich voneinander trinken wie vom Blute Jesu und dass sie nicht aufhören werden einander zu berühren, in einander einzudringen, bis sie den Teufel vertrieben haben, der in ihnen wütet, der Teufel, der sie zu dieser herrlichen Schändung anspornt, der sie dazu bringt, wie von Sinnen zu schreien und die Zähne zu entblößen, sodass sie diese Liebhaber beißen und zerreißen kann, die sie beißen und zerreißen.

Als die jungen Männer endlich schlafen, der eine mit dem Kopf auf ihrer Brust, der andere zur Seite gedreht, beobachtet sie, wie die aufgehende Sonne weich und langsam diesen sakralen Ort wieder umschmeichelt. Sie muss lächeln, wegen der Glut in ihrer Brust und ihrem Bauch, über das einfache Glück, das sie spürt. Es verstummt, als sie in der Ferne die Stimme eines alten Mannes erkennt. Ihr Großvater ist schon seit drei Monaten tot und sie weiß nicht, was sie mit dem Übermaß an Glück anfangen soll.

 


Auf einer Mauer bei einer Kirche entblößen drei alte Männer lachend beim Würfeln ihre künstlichen Zähne. Über ihnen, am Kirchturm, hängen schon die Käfige für die, denen es in den Sinn kommen könnte, einen militärischen Schlag auszuführen.

Als der Mann mit dem Spazierstock in der Ferne einen grauen Rauchschleier auf die Stadt zuwehen sieht, steht er auf und stellt seine tägliche Frage.

„Wie lange noch?“, fragt er.

Niemand schüttelt heute den Kopf. Sie kennen den starrsinnigen Boden nur allzu gut. Die Welt ist unruhig. Die Menschen wollen zu einem Stamm, einem Volk, einer Rasse gehören. Sie wollen Recht bekommen und gewinnen, andere in die Knie zwingen.

„Wie lange noch?“, flüstern die alten Männer im Chor. Sie stützen sich auf den Rollator, gehen in die Knie, legen die Ohren auf die vielen Schichten der Pflastersteine, Katzenköpfe, die von ihren Vorvätern gelegt worden sind. Sie hören den Hufschlag der jahrelangen Friedensverhandlungen, schütteln den Kopf und sagen: „Nicht mehr lange.“

 

 

 

Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek

 

Stefan Wieczorek (geb. 1971 in Koblenz) ist promovierter Literaturwissenschaftler, Redakteur und Übersetzer. Er studierte Germanistik, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Soziologie, lehrte und forschte an der RWTH Aachen; Publikationen und Herausgaben zur Literatur des 20. Jahrhunderts und zur Gegenwartsliteratur sowie zahlreiche Übersetzungen aus dem Niederländischen.