DOLOR: Officiële punk in Karlsruhe

Maarten van der Graaff

Maarten van der Graaff

Maarten van der Graaff (Nederland, 1987) debuteerde in 2013 met de bundel Vluchtautogedichten (Atlas Contact). In 2014 werd deze bundel met de C. Buddingh’-prijs bekroond. 'De bundel bezit vrolijkheid schwung en geen begrenzing. Van der Graaff toont zich hiermee een lyricus pur sang die een volledig eigen taalwereld neerzet.’ aldus de jury.  Dood werk, zijn tweede bundel, verscheen in het voorjaar van 2015. Hij publiceerde poëzie en proza in verschillende tijdschriften en is veel op de podia te vinden. In 2017 verscheen zijn debuutroman Wormen en engelen. Hij is redacteur en medeoprichter van het online literair tijdschrift Samplekanon.

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DOLOR: Officiële punk in Karlsruhe

dwb 2017-3Het gedicht dat Maarten van der Graaf schreef voor citybooks Karlsruhe verscheen in voorpublicatie in DW B # 3_2017.  Je leest het binnenkort hier en kunt intussen de podcast, voorgelezen door de auteur, al beluisteren.

 

 

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DOLOR: Offizieller Punk in Karlsruhe


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Aus den Vorstädten kommen wir und verstehen, wir sind nicht einzigartig. Häusliche Jugend,
der Katalog, in den ich aufgenommen wurde, ist eine Serienproduktion.
Komplexe Inneneinrichtung, administratives Nervensystem, ein Laptop und ich halte fest:
Archäologie hat Leichen im Keller. Ein Freundeskreis ist kein Kreis.
Woher wissen wir eigentlich, welches Material geeignet ist?

Dann ein vollkommen leerer Platz. Neues Jahrhundert, neue Unsicherheiten.
Ein Bild einer Überwachungskamera,
an der Ecke eines Gebäudes. Das Schloss mit der Lichtreklame:
Warum betrachtet man poetische Subjektivität (zuvor eine marginale
und wenig erstrebenswerte Identität) zurzeit als einen Weg
zu gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg?

Regierung und Wissenschaftsbetrieb sind keine völlig getrennten Sphären,
die Zellen der Polizei und die Biennalen sind keine völlig getrennten Sphären.
Dies ist eine Stadt der Konzepte.
Am 5. Juni 2002 erließ die Stadt Karlsruhe ein Punkerverbot auf und rund um den Kronenplatz.

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Dieser Raum: ein Apartment im Acora („Hotel und Wohnen“), Lessingstraße 37-f, Karlsruhe, Baden-Württemberg, Deutschland.
Die Sätze, die ich hier schreibe, sind Lessingstraße-37-f-Sätze.
Ich bin hier, um Geld zu verdienen, nicht um mir Freunde zu machen
und kaufe die neuste Nummer von Texte zur Kunst, die sich ausschließlich der Poesie widmet.
„Arbeit ist Arbeit“, sagt die Putzfrau, als sie sieht,
dass ich das Hotelzimmer in einen Ausstellungsraum umgewandelt habe.
Eine Ausstellung für sie und für mich. Wir lachen. Ich frage sie nicht, wie sie heißt.
Ich schaffe es nicht, ihren Namen beim Management herauszufinden. Ich habe es vergeigt
und wir sehen uns nicht wieder. Jeder Satz sickert in den nächsten ein. Das bedeutet,
es gibt eine Zukunft.

Trams durch enge Passagen. Der Bürger hat den Arbeiter abgelöst. Es ist sowohl radikal als
auch corporate, das eigene Essay zu remixen und daraus Multimediakunst zu machen.
„Dies ist die R2 Richtung Reinstätte.“ Die Stimme klingt bei jeder Haltestelle, als würde sie ein Lachen
unterdrücken. Plötzlich: Geborgenheit. Im Vorort fahren betrunkene Kinder auf Rädern
mit Tempo von einem Hügel. Sie unterdrücken ein Lachen.

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Punk is another way of life. Everything and everyone can be punk. By punk I mean being free, making your own things, being tolerant… (unleserlich)

Dass alles ein Coming of age ist, auf eine nicht-psychologische Weise: die Langweile, das Ausbrechen,
Vertrocknen, Weichwerden, Versteinern in Serie, gemessen in Einheiten von Zeit und Geld
(Dialektik von Besitz und Verlust). Sich selbst auf den Beinen halten, auch in diesem Szenario,
ohne Lebenskunst, also: wie fühlt es sich an, mitten in einem Shift zu stecken?

Glitchen mit einem Mittelklassekörper! Kevin Spacey sagt in einem Interview
während eines Treffens des World Economic Forum in Davos,
dass seine schauspielerische Karriere ihn davon überzeugt habe,
dass jeder Geschichten zu erzählen habe.

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Installation shot: Die Wand hinter dem Körper des Fußballers atmet Geld,
nackt und rein. Die Arbeit des Fußballers ist es,
entspannt und jovial vor dieser Wand zu stehen. Figuration durch
Abstraktion. Er lacht mir zu. Gebärden sind Logos.
Der Vertrag ist eine Wand und ich folge den Linien,
scanne die Oberfläche und sehe, wie Klauseln erblühen,
wie die Augen eines Lokomotivführers,
kurz davor zum ersten Mal einen Menschen zu überrollen.
Weiche Wände um mich herum, soziale Hieroglyphen: Kunst ist eine der zahlreichen
Kommunikationstechniken geworden, ziemlich erfolgreich und überall ihre
Rezeptoren/Geschlechtsteile: Butterfly-Effekt im globalen Management der fleischgewordenen Teilchen
der Zyklus Frustration/Erregung: Ich gebe der Polizei meine Zustimmung die Wohnung zu betreten, Tele-Techno Masturbation: Ich verpflichte mich dazu, meiner Wohnung einen bewohnten Anschein zu geben, ich kenne das Risiko: Ich habe dies sorgfältig gelesen und verstehe den Inhalt vollumfänglich:
Stockfotos der Architektur der Moderne
Die Hyperexpansion der Beschlüsse und Verträge, User data, Gier
die Architektur der Sätze als Ausstellungstitel, Schalter in weißer Serie:
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Kebabimbiss. Der würdige Bariton alten Fetts. Angel
investors, helft mir den Laden zu disrupten. Dolor.
Ontologische Eleganz in Silicon Valley. Dolor.

Alles ist normal gelaufen und abgearbeitet worden:
Mir fehlen die Geschwindigkeit und die Flexibilität des Start-ups. Ich geh ins Bett
mit Stress, stehe kraftlos auf.
Ich arbeite in meinem Traumunternehmen
und bin unglücklich.

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Alles ist normal gelaufen und abgearbeitet worden:
damals gab es so siebzig, achtzig Punks, die auf dem Kronenplatz zusammenkamen.
Um ein oder zwei Uhr trafen wir uns auf dem Platz. Der Kronenplatz ist hässlich, viel Beton,
niemand verbringt dort viel Zeit, deshalb waren wir dort,
waren unsichtbar mitten in der Stadt.
Aber der Polizeikommissar war konservativ. Er mochte keine Punks,
keine Linken. Wollte uns nicht im Stadtbild.

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Wie die Szene damals aussah? Es gab Hausbesetzer. Die demonstrierten gegen Nazis.

Das ist Jahre her. Die machten linke Aktionen. Auf dem Kronenplatz hatten einmal zwei Sex miteinander, aber das ist doch kein Grund, Punks zu verhaften.

Und wir hatten Hunde, manche bettelten auch.

Wir baten die Stadt, die öffentliche Toilette auf dem Kronenplatz wieder aufzumachen.

Passiert ist aber nichts, also pissten wir hin und wieder auf den Platz.

Der Dichter-Künstler ist ein lebendiger Akteur auf der Schnittfläche von Politik

Affekt und Digitalisierung.

Am 6. Juli 2002 trat die „Allgemeinverfügung“ gegen Punks auf und um

den Kronenplatz in Kraft. Karlsruhe ist die einzige Stadt in Deutschland,

die je ein Punkverbot erlassen hat.

Ein paar Jahre zuvor wurden die Haare von Punks

in einem malaysischen Dorf unter Zwang abgeschnitten, glaube ich.

To present ideas with conversational charm. Ich bin zu spät. Der Dichter-

Künstler ist ein offizieller Akteur geworden.

Ich wollte ein Verfahren bewirken gegen die „Allgemeinverfügung“,

aber dafür muss man als Geschädigter anerkannt sein.

Die Poesie von Xu Lizhi endet mit Selbstmord, nicht mit Aufstand.

Mir wurde noch eine besondere Erlaubnis angeboten, die besagte, dass ich

ausnahmsweise die verbotene Zone betreten dürfe. Offensichtlich war ich

ein guter Punk. Aber ich lehnte ab, kaufte Tomaten am Gemüsestand

ganz in der Nähe vom Kronenplatz und ging damit Richtung Zentrum, bis man mich anhielt.

Was hast du mit den Tomaten vor, wollte die Polizei wissen.

Ich bin ein Punk und ich möchte Suppe kochen, sagte ich.

Ich verpflichte mich, zu experimentieren und meine Praxis

während dieses Aufenthalts zu erweitern.

Der Anwalt der Stadt Karlsruhe: Du bist kein Punk, denn du hast ein Zuhause, Geld

und du studierst. Er fragte mich auch: was ist eigentlich Punk,

was macht ein Punk? Ist mein Sohn Punk, weil er laute Musik mag?

Ich verpflichte mich, offiziellen Punk

im Ausland zu machen.

Nach Stunden der Diskussion fasste der Richter einen Beschluss. So wurde ich der einzige

behördlich anerkannte Punk der Welt. Man muss das Gesetz gegen die Regierung benutzen.

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Ich verpflichte mich dazu, den Katalog, in den ich aufgenommen wurde, als
method actor (unerbittliche Investition, moderne Ordnung) zu vertreten. Nach dem Interview
bewundere ich den offiziellen Punk, einen methodischen Menschen. Wie er mit einem Beutel Tomaten
durch eine verbotene Zone lief. Am selben Abend verbeiße ich mich in die Vermählung von Punk
und liberaler Nabelschau. Eine Frage, erschöpft
bei Sonnenaufgang. Sex mit einem Sozialarbeiter. DOLOR.
Soldat und Bürger zerstören die Stille. DOLOR.
Rechte Punks aus Davos. IPSUM.
Gloria Wekker schreibt, sie leide unter kritischer Nostalgie
und ich spüre, wie wenig ich habe kämpfen müssen und warum ich
keine Theorie für meinen Körper brauchte, warum ich tief im Inneren noch immer denke,
keine Poesie zu brauchen. Es gibt eine Art Pessimismus,
den weiße Dichter sich nicht mehr erlauben können.
LOREM IPSUM. Ich verpflichte mich dazu,
diesen offiziellen Punk als DOLOR einzusetzen.
Ich verpflichte mich dazu, in der verbotenen Zone nach Zutaten
für die Suppe zu suchen. Ich verpflichte mich dazu, an verbotene Suppe zu glauben
und an Verweigerung, die von den Bäumen fällt, Verweigerung wie schmutziger Schnee.
Mein Leben – d.h. der Katalog, in den ich aufgenommen wurde –
existiert in Serie. Ein Satz berührt das Zimmer, in dem wir lesen,
der Besitz, zu dem ich hinzugefügt wurde (d.h.
diese Zimmer für mich allein). Das heißt
ein Mund, zu dem nichts mehr passt, d.h.
mit einem Mund essen, der so voll mit sich selbst ist, dass nichts mehr darin ist.
Wenn ein Satz das Zimmer nicht verschließen kann, um mich zu verstecken,
muss ich der Serie, der ich hinzugefügt wurde,
unter die Augen treten.
Denn DOLOR besteht in einer Serie und setzt sich selbst fort.

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Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek

 

Stefan Wieczorek (geb. 1971 in Koblenz) ist promovierter Literaturwissenschaftler, Redakteur und Übersetzer. Er studierte Germanistik, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Soziologie, lehrte und forschte an der RWTH Aachen; Publikationen und Herausgaben zur Literatur des 20. Jahrhunderts und zur Gegenwartsliteratur sowie zahlreiche Übersetzungen aus dem Niederländischen.